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Dramatik

"Grenzverletzer" von Claus Irmscher

Drama in 5 Aufzügen über die Widersprüche zwischen den Interessen und Wünschen einer Gruppe Einwohner einer grenznahen Gemeinde im Eichsfeld in Thüringen zu ihren Verwandten jenseits der Grenze in der Bundesrepublik in Konfrontation mit den Forderungen von Partei und Regierung der DDR nach Abschottung aus ideologischen Gründen und der Verhinderung jeglicher Kontakte mit militärischen Mitteln.

Das Stück aus den siebziger Jahren, überarbeitet 2021, ist unveröffentlicht und kann bei Interesse eines Theaters als Text im pdf-Format in der Absicht einer Aufführung zur Verfügung gestellt werden.
Für 15 Schauspieler: 11 m, 4 w.

1. Aufzug, 1. Szene (Dorfstraße im 500-m-Schutzstreifen mit Wohnhaus und Gaststätte. Grenzer Unteroffizier Steffen und Gefreiter Jochen auf Streife. Freitag Nachmittag).

JOCHEN: Was haben wir eigentlich genau auf Streife zu tun, Genosse Unteroffizier?
STEFFEN: Immer schön die Augen aufhalten, Genosse Gefreiter.
JOCHEN: Am helllichten Tag kommt bestimmt kein Gegner gelaufen. Hier im Dorf kennt doch jeder jeden.
STEFFEN: Das ist richtig. Man weiß bloß nie, wer ein Feind sein kann. Es gibt hier viel Verwandtschaft über die Grenzzäune hinweg.
JOCHEN: Die Leute kennen sich?
STEFFEN: Viele, ja.
JOCHEN: Uns wurde erzählt, dass wir verhindern sollen, dass Faschisten und Saboteure aus dem Westen bei uns eindringen und unser friedliches Aufbauwerk stören könnten.
STEFFEN: Das stimmt.
JOCHEN: Wenn Einheimische Feinde sein können, wie sollen wir sie denn erkennen?
STEFFEN: Das ist die Schwierigkeit, es herauszufinden.
JOCHEN: Man kann ja nicht in die Köpfe hineingucken.
STEFFEN: Zum Beispiel daran, dass sie schlecht arbeiten oder etwas kaputtmachen wollen oder die Grenzanlagen überwinden wollen.
JOCHEN: Dazu müsste man sie beobachten. Wie denn? Wann denn?
STEFFEN: Mit Geduld und Spucke. Ich will mal nachsehn, ob meine Verlobte zu Hause ist. (er klopft an ein Fenster, Regina schaut heraus). Hallo, Liebes! Wie geht´s? Was machst du gerade?
REGINA: Nichts besonderes, Strümpfe stopfen.
STEFFEN: Lohnt sich das heutzutage noch? Kauf dir neue!
REGINA: So dicke haben wir´s nicht. Mir haben die Großeltern beigebracht: Immer schön bescheiden bleiben. Gibst du mir das Geld dafür?
STEFFEN: Alles, was du willst, Liebes.
REGINA: Trotzdem stopfe ich die Strümpfe fertig. Wann sehn wir uns wieder? Morgen zu meinem Namenstag?
Steffen: Heut Abend zur Musik in der Kneipe. Morgen auch. Na, und Sonntag zur Kirmes. Praktisch jeden Tag. Mach´s gut. Wir müssen weiter.
Regina: Bis dann! (Regina ab).
Jochen: Gehn Sie schon lange zusammen?
Steffen: Schon eine Weile. Seit zwei Jahren. Warum?
Jochen: Praktische Sache, so mit einer Eingeborenen.
Steffen: Was sagst du da?
Jochen: War nur Spaß. - Ich find Regina prima. Erinnert mich an meine Mutter. -Bei Frauen hab ich leider kein Glück.
Steffen: Das war dein Glück, Jüngelchen. - Wir werden heiraten, wenn ich bei der Armee fertig bin. Du musst dir was zutrauen. Hier wachsen viele hübsche Mädchen.
Jochen: Wie auf der Blumenwiese. (Helene und Kerstin kommen).
Steffen: Na, ihr zwei. Wo soll´s denn hingehen?
Helene: Ich frag dich auch nicht, neugierige Nase!
Steffen: Wir sind im Dienst, siehst du doch.
Helene: Was ihr so Dienst nennt oder passt ihr auf euch selber auf? Dein Begleiter ist wohl neu, Steffen?
Steffen: Nagelneu. Wehrdienst. Noch etwas grün hintern Ohren.
Helene: Ich muss gleich in den Stall.
Steffen: Kommt ihr abends in die Gaststätte? Zwei Musiker machen kleine Generalprobe.
Helene: Nicht vor acht. Ich soll erst unsre fünf Kühe versorgen. Da kommt Josef, mit dem ich reden muss.
(Josef und Bernhard kommen. Bernhard zieht seine Verlobte Kerstin von der Gruppe weg).
Bernhard: Komm weg von hier!
Kerstin: Warum, Bernhard?
Bernhard: Frag nicht! (mit Kerstin ab)
Helene:  (zu Josef): Hilfst du mir den Stall ausmisten?
Josef:  Aber nur, weil du´s bist. (mit Helene ab)
Jochen: Wau! Hier ist ja was los! Wer war denn diese Schönheit?
Steffen: Du meinst Kerstin? Das war Bernhards Verlobte. Sie kam eben aus der Berufsschule. Sie gefällt dir wohl?
Jochen: Ja, sehr. Sie sieht toll aus und geht mit diesem Kerl? Was macht der?
Steffen: Der arbeitet bei der Versicherung in der Stadt.
Jochen: Ein feiner Pinkel. Macht bestimmt Eindruck auf sie. Hat er was gegen uns?
Steffen: Warum sollte er?
 Jochen: Na, weil er sie einfach weggezogen hat. Der redet nicht mit jedem, vermute ich.
Steffen: Ich kenne ihn nicht näher. Vielleicht hast du recht. (beide Grenzer ab. Bernhard und Kerstin nochmals vorbei).
Kerstin: Du hast mich vorhin einfach weggezerrt. Das gefällt mir nicht. Helene ist meine Freundin. Wir können uns gut leiden, von klein auf schon.
Bernhard: Das ist nichts für dich. Die wirtschaftet im Stall mit dem Josef. Die stinkt. Willst du auch eine dumme Bäuerin werden? Sie lässt sich von ihrem Vater in der LPG anstellen. Ich möchte, dass du was Besseres wirst. Du sollst in der Stadt was werden, bei mir in der Nähe, nicht im Dreck.
Kerstin: Ich geh trotzdem mit ihr. Sie wäscht sich immer ordentlich. Du wirst schon sehn, wenn sie am Sonntag mit zum Tanz geht, wie hübsch sie sich macht
. Du behandelst mich wie eine Magd. Immer soll ich machen, was du willst. Geh allein nach Hause! (ab, danach er ab)

1. Aufzug 2. Szene   ( Szene w. o.  Willi und Josef treffen sich. Freitag, später Nachmittag).
Wlli: He, Alter! Biste noch flott?
Josef: Was redst du für Zeug? Was treibst du dich hier rum? Das ist verboten für dich. Du wohnst in der Stadt außerhalb vom Schutzstreifen und 5-Kilometer-Gebiet.
Wiili: Schutzstreifen: Brrr! Da lach ich bloß. Kennst mich doch! Bin immer so! Du nich mehr? So bissel zappzarapp machen wie früher? Weeste nich mehr, wie mir den Schuppen ausgeräumt ham mit dem Saatgut vom Staat, dass de umsonst ze was kamst für dein Hof, kleener Großbauer? Na?
Josef:  Erinner mich nich daran! Dafür musst ich einfahrn für zwei Jahre. Der Hof ist auch weg. Alles in der LPG. Bin kuriert.
Willi: Bist en braves Mitglied geworrn, wees schon. Machst jetz of Sozjalist, du Flasche.
Josef: Ich verdien mein Geld als Melker und mit Deputat an Schwein. Damit komm ich zurecht. Geht mir besser wie früher.
Willi: Ja, dir. An dein Vater denkste nich? Der will seine zweehundert Hektar zurück. Genau wie dein Onkel drühm die hat, hinterm Zaun. Du erzählst mir nischt.
Josef: Das ist was andres. Die könnte mein Alter nicht mehr schaffen. Der findet Trost in der Lagerwirtschaft. Was kümmert dich das überhaupt? Was willst du von mir?
Willi: En kleen Gefalln. Sollst mich e Stick führn. Kennst dich doch hier aus.
Josef: Willst du etwa rüber? Bist du verrückt?
Willi: Drühm is frische Luft. Ich will wieder zum Zirkus wie mein Oller, bevor er abgehaun is. Ich kann jongliern. Pass ma off! (Er jongliert mit 3 Bällen). Na?
Josef: Damit willst du Geld machen?
Willi: Ich kann noch mehr. (Er holt hinter Josefs Ohr ein Ei hervor).
Josef: Da kommt wer. Mach dich dünne! (Willi verschwindet. Paul und Egon an).
Paul: Hallo, Jupp! Kleiner Spaziergang?
Josef: Ach wo. (flüstert) Rendezvous.
Egon: Sie haben nicht zufällig einen Fremden aus der Stadt gesehn, der keine Genehmigung für den Aufenthalt im Schutzstreifen hat?
Josef: Nicht, dass ich wüsste.
Egon: Sie müssen ihn melden, wenn Sie ihn sehn.
Josef: Ist gut. (Egon und Paul ab. danach Willi zurück)
Willi: Hast mich nich verpfiffen. Bistn Kumpel. Pass off: Sollst mir nur die Sicherung´ zeigen un wann de Streife kommt.
Josef: Du, die Sache ist mir zu heiß. Wenns schief geht, knasten sie mich ein. Ich hab noch Bewährung.
Willi: Mensch,mach dir nich ins Hemd, Jupp! Gehst nur bis zur Hälfte mit. Dann hauste ab. Nich bis an den Grenzzaun.
Josef: Trotzdem! Das Risiko.
Willi: He, Alter! Ich weeß noch von nem Bruch mit dir. Da hat de Polente noch keen Dunst von. Die Sache mit der Kasse im Postauto, die mir ham mitgehn lassen. Das Kerlchen war wegen Unterschlagung dran. Armer Hund! Willste, dass ich singe?
Josef: Gangster! - Wann soll die Aktion steigen?
Willi: Sonntag zur Kirmes. Da passen die alle nich off. Treff hinterm LPG-Stall., wenns dämmert.
Josef: Das kriegt doch Helene mit.
Willi: Klar. Die wartet ja auf mich.
Josef: Was? Ihr wollt beide...?
Willi: Die will drühm zu ihrm Cousin. Der beschafft ihr ne Stelle. Sie hälts beim LPG-Vater nich aus, dem Heuchler, der der Partei in´n Arsch kriecht, aber am liebsten ooch rüber will. Bloß, hier kann er Geld scheffeln wie Heu. Die Parteifritzen kaufen sich ihre Leute. Noch nich gewusst?
Josef: Ich glaub´s nicht.
Willi: Kannste aber. Also bis Sonntag.
Josef: Bis zur Hälfte vom Weg. Kein Meter mehr!
Willi: Abgemacht!

* * *


Hörspiele

"Bitterer Wein" von Claus Irmscher

Das Hörspiel  beschreibt  die Entdeckung von Ungarndeutschen im Komitat Baranya in Ungarn, die Freundschaft mit einer Familie, denen nach 1944 schweres Unrecht widerfahren ist, den Versuch, zu spätem Recht zu kommen und dessen Scheitern.

Espero-Verlag Ziegenrück 2004, ISBN 978-3-9808325-6-4, 54 Seiten. Für 11Sprecher, 7m, 4 w. Druck auf Bestellung einer Medienanstalt.

Der Text erhielt die Auszeichnung mit dem Kunstpreis für Literatur 2004 des BdV Thüringen.

Leseprobe:

"Luise: Sag mal, Dickerchen, findest du nicht auch, dass der Badebetrieb hier in Harkány mit der Zeit ziemlich langweilig wird? Ewig das gleiche klare Wasser, die gleiche knallige Sonne und jeden Tag derselbe Gammel im Liegestuhl! Diese fetten Rheinländer mit ihren Schmerbäuchen und ihrer Protzerei, die damit angeben, was sie alles besitzen, gehen mir auf den Geist. Was interessiert es mich, wie viel ihre Eigentumswohnung gekostet hat oder ihre Villa oder wie oft sie auf Mallorca waren? Bei denen dreht sich doch alles nur ums Haben-haben-haben! Immer nur Ramsch-ramsch! Die können einem leid tun, diese armen Geister.
Heinz: Bei Letztgenannten will ich dir nicht widersprechen, vor allem, weil sie hier in Ungarn ganz billig absahnen.
Luise: Mein Rheumaschmerz ist verschwunden und die Gelenke funktionieren wieder einwandfrei. Dein Bronchialkatarrh ist auch ausgeheilt. Die Kur hat doch angeschlagen. ....Lass uns ein bisschen umherfahren! Ungarn ist zwar nicht Italien, aber einiges haben die Magyaren doch zu bieten.
Heinz: Zum Beispiel? ...........


"Requiem für eine Sozialistin" von Claus Irmscher

Der Text in Form einer szenischen Erzählung beschreibt die Kämpfe einer Gewerkschafterin in einer Spinnerei in Eisenach, die sowohl in der Weimarer Zeit und unter dem Nationalsozialismus gegen Klassenjustiz und Standesdünkel gekämpft hat als auch später in der DDR gegen Rechthaberei, Vetternwirtschaft und kriminelle Machenschaften, immer im Interesse der arbeitenden Menschen.                               Für 3 Personen: 1- 2 m, 1 w.

Espero-Verlag Ziegenrück 2017, ISBN 978-3-941892-32-3, 51 Seiten, Text gebunden, lieferbar, 11,00 €.

Leseprobe:
1
Erzähler heute:
Ich bin am Ziel in Eisenach. Hier in der Katharinenstraße werde ich mein Fahrzeug abstellen. Da ist eine Parklücke. So. Geschafft. Jetzt frag ich mal den Herrn da, neben der Gaststätte "Edelweiß", der sein Auto in die Garage fährt, ob er weiß, wo meine gute Bekannte Erika Duffek jetzt wohnt. Sie ist ja eine stadtbekannte Persönlichkeit. Vor vier Jahren, als ich sie besuchen wollte, hatte sie gerade selber Gäste und erzählte mir nur kurz, dass das Haus verkauft wird, in dem sie Jahrzehnte Mieter waren. Heute habe ich mehr Zeit mitgebracht und vor allem das Manuskript, das ich damals mit ihrer Hilfe über sie geschrieben habe. Das kann sie sich ansehn.
   "In das Eckhaus Kasseler Straße Ecke Stedtfelder war sie gezogen? Was? Was sagen Sie da? Sie lebt nicht mehr? Herzinfarkt, vor zwei Jahren? Ach nein! Das erschüttert mich! Wie konnte sie nur sterben, Erika Duffek, die Seele der Westvorstadt? Ihr Mann wohnt noch dort? So. Na, danke für die Auskunft!"
   Das hab ich nun davon, ich alter Esel! Immer wieder hatte ich es mir vorgenommen, seit ich ans andere Ende von Thüringen gezogen bin: Sobald ich in der Stadt meiner alten Wirkungsstätte sein werde, will ich die Erika besuchen. Nun bin ich zu spät gekommen. Für wichtige Menschen ist die Zeit immer zu knapp. Für sie selber sowieso. Sie war ja ihr Leben lang nur für andere da.......Jetzt fahr ich zu ihrem Mann. Ich will ihm wenigstens mein Beileid aussprechen.
2  
   Ihr Mann ist nicht da. Was mach ich nun? Es kann doch nicht sein, dass ich umsonst hergefahren bin. Ich habe Zeit. Ich werde mir die Stätten ihres Wirkens vornehmen, mich erinnern, nachlesen und mir anschauen, was nach der Wende daraus geworden ist. Die Gaststätte "Edelwei?", gegenüber, spielt ja in Erikas Erzählungen eine gewisse Rolle. Ein Wunder, dass sie noch existiert. Was habe ich damals notiert?
Erzähler damals:
Du hast den Kindern im Pionierhaus erzählt, Erika, dass das Gasthaus "Edelweiß" in der Weimarer Zeit das Stammlokal der KPD-Gruppe war. Wie ging es da zu?
Duffek:
Mitunter sehr lebhaft. Ein ganz unangenehmer Patron war Schaarschmidt. Das war ein untersetzter Polizist zu Pferde, dem es Spaß machte, auf die Arbeiter loszuschlagen. War eine Demonstration geplant gewesen, aber nicht genehmigt, kam er hierher zum Stellplatz geritten und verkündete das Verbot hoch zu Roß. Gingen die Arbeiter nicht schnell genug auseinander, gab er dem Pferd die Sporen, preschte in die Massen hinein und schlug jähzornig mit dem Gummiknüppel oder mit der Reitpeitsche auf die Köpfe. Es war dem egal, ob es Männner, Frauen oder Kinder waren, die er traf. Doch wir haben uns gewehrt. Die Männer griffen in die Zügel, rissen das Pferd zu Boden und versetzten dem Unhold so viele Hiebe und Tritte, daß ihm Hören und Sehen verging. Die Frauen trugen ja damals große Hüte, die mit langen Nadeln festgesteckt waren. Kam ihnen das Hinterteil des Tieres zu nahe, zogen sie blitzschnell ihre Spieße und stachen sie dem armen Vierbeiner in den Schinken. Das Pferd ging hoch und der Schläger galoppierte dann ruckartig in eine Richtung, wo er keinen Schaden anrichten konnte, Der kam am selben Tag nicht wieder.
Erzähler heute:
Wenn man das jetzt hört, könnte man meinen, hier ging es zu wie im wilden Westen.
Duffek:
So war es. Die Herrschaften, die damals das Sagen hatten, behandelten uns Arbeiter, als wären wir ihre Neger. Aber wir haben uns nichts gefallen lassen und sie lächerlich gemacht, wo wir konnten. In den Jahren, als die Inflation wütete und alle arbeitslos waren, ich war noch klein, hat meine Mutter einmal große Tontöpfe Fett ganz auffällig ins Fenster gestellt. Die Polizei hat sich gefragt, woher wir armen Schlucker das viele Fett haben. Das war ihr äußerst verdächtig! Die Töpfe wurden beschlagnahmt. Auf dem Revier stellte sich dann heraus, daß sie bis auf eine dünne Deckschicht mit Kaffeesatz gefüllt waren, Eine große Blamage!
Erzähler damals:
Gut ausgetrixt! Ich vermute, die Beamten verstanden keinen Spaß?
Duffek:
Die verstanden nicht mal unsere Losungen: "Wir wollen Arbeit und Brot!" oder:"Gegen Hunger und Kälte!" Das war uns bitterernst. Die berührte das gar nicht. Wir waren die niedere Klasse, die Proleten, der Aussatz...
3
Erzähler heute:
Ich will weitergehen. Dieses Backsteingebäude dort müsste die Elisabethenschule sein. Dort kam sie schon von klein auf mit der Klassenjustiz in Berührung.
Erzähler damals:
Du bist schon als Kind verhaftet worden, Erika. Wie hat sich dieser Willkürakt genau abgespielt?
Duffek:
Neunzehnhundertachtundzwanzig ging ich in die zweite Klasse. Wie wir nach dem Unterricht aus der Tür traten und die Stufen hinuntergingen, kamen auf einmal zwei Uniformierte auf meine Schwester und mich zu. Sie nahmen uns in die Mitte und wir mußten mit aufs Revier. Das war vorn in der Karlstraße neben dem Rathaus.
Erzähler damals:
Die Polizei hat achtjährige Kinder verhaftet?
Duffek:
Ich war acht und meine Schwester zehn. So, wie wir waren, mit den Schulranzen auf dem Rücken, in unseren dünnen Kattunkleidchen, durch die halbe Stadt. Wie uns die Leute angeguckt haben! Aber nicht nur einfach aufs Revier, nein, zur Kriminalpolizei!
Erzähler damals:
Das wäre heute unvorstellbar!
Duffek:
Im Bürozimmer mußten wir uns an den Tisch setzen. Da lagen Papier und Bleistifte. Wir sollten schreiben: "Weg mit Heuwinkel und Schaarschmidt!"
Erzähler damals:
Warum das? War Schaarschmidt nicht dieser wildgewordne Reiter?
Duffek:
Ja und der andere war berüchtigt wegen seiner brutalen Verhörmethoden. Warum? Na, die Genossen hatten Flugblätter geschrieben und verteilt, mit diesem Text und dabei die Handschrift verstellt, als ob Kinder es geschrieben hätten.
Erzähler damals:
Die Polizisten nahmen an, sie könnten euch Kinder mit den Schriftproben überführen?
Duffek:
Genau. Wir mussten den Text in Schönschrift malen und dann in Blockschrift und jedes Mal nahmen die schlauen Beamten die Zettel, stellten sich ans Fenster, tuschelten und beratschlagten miteinander. Dann wurden wir verhört, immer die gleichen Fragen: "Wer hat die Flugblätter geschrieben? Ihr wißt doch, wer die Flugblätter geschrieben hat! Habt ihr sie geschrieben? Nein? Wer war es dann? Der Vater? Oder die Mutter? Und wer noch?" Stundenlang ging das so.
Erzähler damals:
Ihr wußtet genau, wer es war?
Duffek:
Natürlich. Wir hatten ja beim Schreiben mit am Tisch gesessen. Die Großen haben die Schrift verstellt. Aber wir haben den Bütteln nichts verraten. Sie stellten uns Fangfragen: "Eure Eltern haben doch über Heuwinkel und Schaarschmidt gesprochen. Was haben sie denn über sie gesagt?" "Daß sie die Schlimmsten wären" sagte meine Schwester. "Das stimmt doch!" "Und deshalb haben euch die Eltern befohlen, ihr sollt die Flugblätter schreiben?" "Wir haben keine Flugblätter geschrieben!" "Aber ihr wißt, wer es war? Wenn ihr es sagt, dürft ihr sofort nach Hause gehen." "Davon wissen wir nichts, wer das war", haben wir geantwortet. So ging das, bis es dunkel wurde.
Erzähler damals:
Mit Kindern! Das sind ja Methoden wie bei den Nationalsozialisten! Wie habt ihr Kinder das ausgehalten"
Duffek:
Wir haben diese Leute gehaßt. Das hat uns stark gemacht. Das waren ja Faschisten! Abends, es war lange dunkel, hörten wir unsere Mutter draußen schreien: "Laßt mich zu meinen Kindern, ihr Unmenschen! Ich weiß, daß sie hier sind!" Sie durfte nicht herein. Nur die Brote konnte sie abgeben. Der eine Polizist wickelte sie aus: "Leberwurst! Bäh! Möchtet ihr nicht lieber Schokolade? Hier lege ich sie hin. Erst erzählt ihr mir, wie das mit den Flugblättern war!" Wir haben geweint, aber wir haben nichts verraten. Dann wurden wir müde. Unsere Köpfe sanken auf die Tischplatte. Da durften wir endlich die Brote essen.
Erzähler damals:
Und nach Hause gehen?
Duffek:
Nichts! Wir haben die ganze Nacht dort zubringen müssen und im Sitzen geschlafen. Die Polizisten haben sich abgewechselt und uns immer wieder geweckt. Wir haben vor Kälte gezittert wie Espenlaub und versucht, uns gegenseitig zu wärmen.. Der eine Uniformierte sagte hinter der Gardine zum anderen: "Die Mutter gibt keine Ruhe. Sie streitet sich schon wieder mit der Wache herum." "Dürfen wir jetzt endlich nach Hause?", fragte meine Schwester. "Sofort", hat der Hauptmann geantwortet, "wenn ihr mir sagt, wer die Flugblätter geschrieben hat." Er musste uns dann doch gehen lassen. Als wir unserer Mutter in die Arme stürzten, hat er hinter dem Fenster gestanden und höhnisch gegrinst, erzählte sie uns später. Aber wir hatten durchgehalten.
Erzähler damals:
Die Büttel haben doch sämtliche Regeln des Anstands gebrochen. Konnten die sich das einfach erlauben?
Duffek:
Unsere Eltern haben den Vorfall dem kommunistischen Abgeordneten Richard Eyermann mitgeteilt und der hat die Methoden öffentlich verurteilt. Sogar die bürgerliche Presse hat, glaube ich, darüber berichtet. Passiert ist den Polizisten natürlich nichts. Wir waren ja nur Arbeiterkinder! Pö! Dreck! . . .



"Freund Sandor" (sprich: Schandor) von Claus Irmscher

Im kurzen Text von 30 Seiten wird anlässlich des Kaufs eines Ferienhauses in Ungarn durch deutsche Gäste exemplarisch belegt, wie ein Freund mit rassistischen Vorbehalten seine Meinung radikal ändern muss. Für 3 Personen: 2 m, 1 w.
Espero-Verlag Ziegenrück 2005, Druck auf Bestellung einer Medienanstalt.

Leseprobe: Personen: Bruno (Er), Mathilde (Sie), Lothar (L).
1
Er
Mathilde!
Sie
Was ist, Bruno?
Er
Komm, mach Feierabend im Garten! Lothar hat angerufen und will vorbeikommen. Das Unkraut wartet auch bis morgen.
Sie
Gut. Ich bring noch den Abfalleimer zum Kompost. Du kannst ja die Geräte wegräumen.
Er
Mach ich doch, meistens.
Sie
Alter Ordnungsfanatiker!
Er
Am sauberen Werkzeug erkennt man den guten Arbeiter.
Sie
An unserm Ferienbungalow am Balaton sind wir höchstens Gärtner.
Er
Das ist kein Grund, die Geräte stehen zu lassen.

Sie
Die stiehlt hier niemand. Die Ungarn sind arm, aber ehrlich. Und die deutschen Touristen verirren sich nicht aufs ungarische Dorf. Die brauchen keine Hacken, sondern wollen sich nur amüsieren.
Er
Du sagst es. Unsere Deutschen bleiben unter sich. Sie können sich nicht leiden und wollen sich auch nicht voneinander trennen. Ihre Haßliebe legt ihnen Fesseln an und sie fühlen sich noch wohl dabei. Arme Irre!
Sie
Was sollten sie auch zwischen Einheimischen? Sie verstehen sie nicht und allein würden sie sich langweilen. Sie sind ja im Urlaub und nicht auf der Arbeit.
Er  
Wir dagegen langweilen uns zu Hause im Vorruhestand und erholen uns dafür im Ausland durch Bewegung. Hör endlich auf! Ich kümmere mich ums Abendbrot.
Sie
Ich muß mir noch die Hände waschen. Drehst du mir einen Eimer Wasser aus dem Brunnen?
Er  
Klar leiere ich dir das Wasser hoch. Und wenn die Rolle knarrt und der Zinkeimer scheppert. Lothar soll warten.
Sie
Wann will er denn da sein? Mein Handtuch fehlt mir.
Er
Er ist unterwegs und kann jeden Moment hupen. Wozu brauchst du ein Handtuch, wenn der Wind weht?
Sie
Man muß ja das Landleben nicht übertreiben.
Er
Ich wollte heute abend die neuesten Fotos einkleben. Morgen sind wir ja bei Sándor zum Essen eingeladen.
Sie
Ich freu mich. Gibt es einen besonderen Anlass?

Er  
Er hat sich zwei Ferkel angeschafft. Das möchte er mit uns feiern.
Sie
Auf die Idee käm in Deutschland niemand.
Er
Er will ein Huhn schlachten und davon Kesselgulasch überm Lagerfeuer anrichten, mit viel Paprika.
Sie
Oje! Da steht mir jetzt schon der Mund offen. Wir nehmen ihnen die Anziehsachen mit, die ich für seine Frau und die Kinder eingepackt habe.
Er  
Das können unsere Freunde gut gebrauchen. Horch!
Die Glocken der Dorfkirche läuten zum Abendgottesdienst.....